Sie befinden sich hier:
Startseite
Schulleben
Schulleben

Aufsicht – auf Sicht

Montag, 27.04.2020, die Studierenden des Vormittagsbereichs schreiben heute ihre letzte Abivorklausur. Vor der Schule steht ein Kran. Zwei Arbeiter pendeln in mutiger Höhe in einem winzigen Körbchen und inspizieren die Dachrinnen.

Der Mundschutz sitzt. Ich betrete das Schulgebäude. Hände desinfizieren, Treppe hochkriechen (Hexenstreifschuss), Innentüre öffnen, Hände waschen, den Studierenden zunicken, den Schulleiter von der Aufsicht ablösen, auf Sicht bleiben.

Erleichterung! Alle Studierenden der K6 sind anwesend.

Es ist 9:45 Uhr, der Rücken schmerzt, ich freue mich auf`s Mittagessen. Die drei derzeitigen Highlights des Tages, wer kennt sie nicht: Frühstück, Mittagessen und Abendbrot. Dabei hatte ich mir vor der diesjährigen Fastenzeit fest vorgenommen, weniger und gesünder zu essen und weniger der „Göttin“ Internet zu dienen, alles für die Katz`.

Am Donnerstagabend letzter Woche begann in Deutschland mit dem Neumond der Fastenmonat Ramadan. Da die meisten Moscheen derzeit geschlossen sind, wird diese Form der Enthaltung vielleicht wieder in ihrem ursprünglichen Sinn erfahren: als spirituelle Reise ins innerste Ich.

Wie schaffen das die muslimischen Abiturient*innen gerade? Denn auch das ist eine zusätzliche Belastung. Sie müssen unter ganz seltsamen Bedingungen für die Prüfungen lernen und sind viel im Internet unterwegs, da bleibt nicht viel Zeit für Spiritualität.

Vor einiger Zeit habe ich am Abendhimmel sich schnell und lautlos bewegende Lichtpunkte gesehen, die gleichsam wie an einer farblosen, auseinandergezogenen Perlenschnur aufgefädelt schienen. Keine Flugzeuge – ganz still, auch keine Ufos, lediglich Satelliten – Internet und Telefon, hurra. Spätere Satelliten sollen irgendwann eine dunkle Außenhülle bekommen, damit sie den Sternen nicht die Show stehlen.

In Norwegen kommen die Internetleitungen aus dem Meer ans Land. Wie fühlt sich wohl jetzt deren Hüter? Hat er vielleicht Allmachtsfantasien wie einige Politiker?

Oder winkt er einem imaginären Softwaregiganten zu und flüstert: „Azure Active Directory und ich helfe bei der Datensammlung noch mit.“

Es ist 10:50 Uhr, eine Kollegin betritt das vorläufige Klassenzimmer. Sie erkundigt sich nach meinem Befinden und hinterlässt ihre Telefonnummer für den Notfall. Rücken.

Reise ins Innere. Langeweile. Klausuraufsicht ist einfach immer spaßfrei (spamfrei, sprachfrei – so die Vorschläge der automatischen Rechtschreibkorrektur); mitfiebern, möglichst nicht reden, wenig bewegen, aber trotzdem hellwach bleiben.

Wie kippe ich mir bloß die Globuli gegen den Rücken hinter die Mund-Nasen-Maske?

Ich blättere im Klassenbuch; unter den Einträgen der zehnten Kalenderwoche, also noch bevor wir höchstens ahnten, was auf uns zukommt, lese ich: Pädagogik: „Essstörungen aus systemischer Sicht“, Erdkunde: „Städtetourismus“, Biologie „Isolation – Gendrift“. Wie zynisch, denke ich, aktuell brisante Themen. Wie werden wohl postvirale Generationen über diese Krise denken? Ich stelle mir gerade vor, wie im virtuellen Geschichtsunterricht auf Englisch, der neuen „Muttersprache“, die das Deutsche ersetzt hat, ein Lernprogramm anhand von Beiträgen einer Schulhomepage diese Krisenzeit kommentiert oder im Biounterricht darüber gerätselt wird, warum dieser Virus nicht schneller bekämpft werden konnte.

11:00 Uhr, die Zeit scheint stehen zu bleiben, durchhalten bis 12:45 Uhr, das gilt auch für die Studierenden. Dann müssen alle Klausuren abgegeben und die auf einem separaten Tisch ausgeruhten Smartphones eingesteckt werden. Bis dahin kein Nachdenken mehr über Isolation, Städtetourismus, systemische Essstörungen, Internet und Telefon. Was gibt es eigentlich als Mittagessen?

Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass diese Seite Cookies verwendet.

Mehr Infos